19. Oktober 2015

Ein Sommer allein in einer schwedischen Waldhütte

Den Traum von der Auszeit träumen viele – doch nur wenige machen ihn wahr. Ich habe meine Wohnung gekündigt und mir einen langjährigen Traum erfüllt: drei Monate allein in einer Waldhütte in Schweden. Kein Internet, keine Dusche. Nur ich und ein paar Elche. Es war das Beste, was mir passieren konnte.

Allein

Die Wohnungsschüssel gingen mir noch leicht aus der Hand. Die Autotür ging schon etwas schwerer zu. Aber diesen Wagen zu starten, war mir unmöglich. Ich lächelte nach rechts und wollte etwas sagen wie „also gut, es geht los“. Aber da war niemand auf dem Beifahrersitz. Dann wurde mir etwas klar. Wenn du alles stehen und liegen lässt, weil du allein in den Wald willst, dann bist du eben eines ganz besonders: allein.

A Writer´s Cabin

Die Hütte fand ich über eine Anzeige im Internet. A Writer‘s Cabin stand dort. Mitten im Nichts auf einem bewaldeten Hügel, vier Autostunden nordwestlich von Stockholm. Überall Seen und Felder. Und dazwischen stand ich. Im See spiegelten sich hohe Kiefern und Birken. Und hier vor meiner Hütte spiegelte sich mein Gesicht in der Regentonne.

Hütte in Schweden

„Weißt du eigentlich, was das bedeutet, so richtig allein zu sein?“, fragte mich mein Spiegelbild und wir beide schüttelten den Kopf. „Du wirst anfangen, mit dir selbst zu sprechen,“ sagte es, „dein Handy brauchst du nicht. Mach es aus. Du wirst nicht viel mehr tun, als schlafen und essen und dann wieder von vorn.“ „Wie lange bleiben wir hier?“, fragte ich. „Auf unbestimmte Zeit,“ war die Antwort. „Heilige Scheiße.“

Da wusste ich noch nicht, dass dieser Ort das Beste war, was mir passieren konnte. Auch die Sache mit den Selbstgesprächen machte mir Sorge. Aber am Ende des Tages bist du ja nur verrückt, wenn andere dich sehen können, oder?

Der Alltag

Die nächsten Wochen verbrachte ich mit Holzhacken, Feuermachen und ging jeden Tag stundenlang in den Wald. Dort sammelte ich Beeren und Pilze und Mückenstiche. Meine Hütte hatte nicht viel, aber es war genug: Ein Bett, ein Ofen, ein Tisch. Die Toilette war draußen – aber Toilette würde ich das jetzt auch nicht nennen. Ich bastelte mir eine Dusche aus einem Brett, einer Schnur und einer Gießkanne.

Schwedische Flagge

Wenn es dunkel war, ging ich schlafen. Wenn die Sonne aufging, war ich wach. Ich fand sogar einen kleinen Freund. Er war ein sehr entspanntes Insekt, das in der Luft schweben konnte und immer pünktlich zum Abendessen am Tisch erschien. Wir hörten zusammen dem Knistern des Feuers zu. Das war unser Lied. Irgendwann ist er leider aus dem Fenster geflogen. An seine Stelle trat ein eher chaotisches Flugobjekt, das allem Anschein nach in meinen Brillengläsern den Eingang zu einer besseren Welt vermutete.

Zeitvertreib

Die Zeit verging langsam und schnell zugleich und die anfängliche Einsamkeit verwandelte sich in euphorische Entspannung. Und dann dachte ich mir, wenn selbst Thoreau während seinem Aussteiger-Klassiker Walden seine Wäsche am Wochenende bei Mama wäscht, dann gucke ich mir dieses fremde Land auch ein wenig näher an.

Die kleinen Dinge

Auszeit heißt ja auch, die großen Fragen im Leben abzuhandeln. Wie geht es mit mir weiter? Job? Master? Liebe? Oder doch Berghain? Ich wartete auf diese eine große Offenbarung. Aber am Ende des Tages waren es die kleinen Dinge, die mich beschäftigten. Etwa: Was gibt‘s zum Abendessen? Bin ich gerade auf eine Blindschleiche getreten? Oder: Was ziehe ich an, wenn ich den Inhalt meiner Outdoor-Toilette im Wald vergraben muss? Die große Offenbarung blieb aus. Und doch haben sich alle Fragen irgendwie von alleine geklärt. Das passiert ganz nebenbei. Ohne, dass du es merkst.

Nils Ketterer

Nils Ketterer
Reisejournalist

27, ist Autor und hat beim Schreiben dieses Textes gemerkt, dass sein Leben ein einziges Klischee ist. Er findet das gut so. Eigentlich ist er nur Journalist geworden, weil er dachte, dass man so fürs Reisen bezahlt wird. Fotocredit: Philipp Jelenska for SP Models

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