Willkommen in Tolar Grande
Argentinien | Stories

Der wilde Norden Argentiniens

Roadtrip abseits der üblichen Pfade

Geschrieben von

Lea Hajner

23.08.2018

Wir lassen die Pampa links liegen.

Acht Tage wollen wir auf Feldwegen und nicht asphaltierten Straßen den Norden Argentiniens kennenlernen. Teilweise dort, wo sich sonst nur die draufgängerischsten aller Autofahrer hinwagen – die Teilnehmer der Rallye Dakar. Nur im Gegensatz zur Rallye ist für uns der Weg das Ziel. Mit einem Ersatzreifen am Dach, einem Wassertank im Kofferraum und einer staubigen Landkarte machen wir uns auf den Weg.

Ein Pferd grast in der Wildnis

Wir starten nördlich von Córdoba und verlassen bereits nach wenigen Kilometern die Hauptverbindungsstrecke. Unser erstes Ziel ist La Posta, beziehungsweise eine kleine Farm außerhalb des Dorfs. Hier dürfen wir unsere Zelte an einem Bachbett aufbauen. In der Farm wird zur Feier unseres Besuchs gegrillt, am Grill liegt das Gerippe einer ganzen Ziege. Es gibt Ziegen-Spareribs. So ungewöhnlich und brachial der Anblick, so erstaunlich gut der Geschmack. Vielleicht trinkt man deswegen soviel guten, roten Wein hier.

Am nächsten Tag verabschieden wir uns von der Familie, der etwa acht jährige Sohn bricht gerade zur Schule auf. Einen Stock hält er in der Hand. Man wolle auf Nummer sicher gehen erklären die Eltern. Denn in dieser Region leben Pumas. Auch wenn die Tiere scheu sind, zur Not kann man sich mit dem Stock verteidigen. Ich weiß nicht was ich darauf sagen soll und schüttle ihnen die Hand. Im Grunde bin ich froh erst heute morgen davon gehört zu haben, das hätte den nächtliche Suche nach einem geeigneten Klo-Platz doch um einiges unangenehmer gemacht.

Abendstimmung in La Posta

Es erstaunt mich immer wieder mit wie wenig Flugstunden man sich in komplett anderen Kulturen wiederfindet. Wir ziehen weiter und kommen in Chepes an. Einem Ort, der so untouristisch ist, dass es keine Tourismusinfo gibt. Am Rande liegt Viktors Reich und Stolz: ein Reitstall. Hier schlagen wir heute Nacht unsere Zelte auf. Und das gesamte Dorf weiß Bescheid. Ob sie wegen uns da sind, oder wegen dem Wettkampf und dem folgenden Festmahl oder ob dieses Event wegen uns stattfindet - wir wissen es nicht.

In der Nachmittagshitze zieht der Sandstaub ohne Erbarmen über unseren Lagerplatz. Plötzlich vermisse ich das sterile, saubere Hotelzimmer, dass ich eben noch in Buenos Aires hatte. Was mir vor zwei Tagen als langweilig erschienen ist, wäre jetzt meine Wunschvorstellung für einen Rückzugsort. Doch das gibt es hier nicht. Hier kann ich mich nur ins Auto setzen und ein paar Mal tief durchatmen. Dann stehen auch schon ein paar neugierige Kinder am Fenster und wollen spielen.

Ringstechen

Auch die Erwachsenen spielen heute. Sie tragen einen Pferde-Wettbewerb namens „Carrera de la Sortija“ aus. Im wilden Schweinsgalopp rasen mit ihren Pferden mit einem Stäbchen in der Hand auf einen kleinen Ring zu, der in der Luft hängt. Der Ring ist so groß wie ein Hochzeitsring, der Stab wie ein Bleistift. Wer ihn aufgabelt, gewinnt. Dabei wirbelt der Sand durch die Luft, die Zuschauer feuern eifrig an - „¡Viva, Viva!" rufen sie. Die Dorfältesten sitzen auf kleinen Plastikstühlen im Schatten. Ich setze mich dazu.

„Willst du probieren?“ Ich rate, denn mein Spanisch ist schlecht. Aber aus der Geste ist die Frage klar zu erkennen. Man reicht mir einen Plastiksack mit Coca-Blättern. Hier in Argentinien sind die streng verboten. Aber in Chepes kommt garantiert keine Polizei vorbei übersetzt einer der jüngeren Männer. Ich winke trotzdem ab, die Eindrücke des heutigen Tages sind Highlight genug.

Der Wettkampf kann beginnen

Die Reise geht weiter in den Norden. Ein paar Tage später sind wir Mitten in den Anden angekommen. Auf teilweise noch saftigen Wiesen grasen Lamas, dahinter erheben sich rote Berge. Von der Glut der Sonne erweckt sprießen Cardones-Kakteen aus dem Boden und über das dornige Gestrüpp. Sie strecken ihre Arme dem Himmel empor. Wir gewinnen an Höhe und zugleich bleibt die Sonne erbarmungslos heiß. Erst als wir einen Pass auf 4.000m Seehöhe erreichen, kühlt es ab.

Lamas kann man beim Weiden zuschauen

In der kleinen Ortschaft Tolar Grande begrüßt uns ein Skelett eines Stierkopfs auf einem Holzstecken. Wer es bis hierher schafft, ist weit gekommen. Und, hat ein gutes Auto, denn die Straßen sind schlecht. Die Häuser sind weiß, rot und braun gestrichen und fügen sich in die Landschaft ein. Zum Abendessen gibt es wieder einmal Steak und langsam lernen wir: die Qualität variiert auch in Argentinien. Bald werden wir ein weiteres Highlight der Reise erreichen: die große Salzwüste. Wir haben bereits mehrere gesehen, doch diese übertrifft alles. Ein weißes, versteinertes Meer, soweit das Auge reicht. Der Boden ist hart, die Kristalle scharf und verzeiht nicht. Und dennoch: so unwirtlich die Landschaft, so bleibend die Erinnerungen an diese Reise. Die üblichen Highlights von Argentinien habe ich nach diesen zwei Wochen abseits des Touristenstroms nicht gesehen. Würde ich aber auch nicht eintauschen wollen.

Hier begrüßt einen die Wüste beim Vorbeifahren