Jutta Lemcke.Botswana.Elefant
Botswana | Stories

Benjamin Blümchen ist ein Griesgram

Zu Fuß auf Safari in Afrika

Geschrieben von

Jutta Lemcke

11.04.2018

„Spaziergang durch die Natur“ – das stand zumindest auf meinem Reiseplan. Doch dann steht man plötzlich mitten im afrikanischen Nationalpark...

Wer in einem Jeep durch die Nationalparks Afrikas ruckelt...

... hat sie bald alle gesehen: die Elefanten, Leoparden, Gnus, Giraffen und Stachelschweine. Selbst ein Löwe, der sein Hinterteil am Kotflügel des Allrads schubbert und beim beherzten Gähnen messerscharfe Zähne zeigt, ist nicht mehr der ganz große Aufreger. Doch wehe, man verlässt das blecherne Vehikel und spaziert zu Fuß durch die Wildnis…

Impalas im Okavango Delta

„Spaziergang durch die Natur“

– das stand zumindest auf meinem Reiseplan. Ich bin in Botswana und will Tiere sehen. Spaziergänge erinnern mich an Sonntagsausflüge mit anschließendem Kaffeetrinken und stehen nicht unbedingt auf der Liste meiner Lieblingsbeschäftigungen.

Blick auf das Feuchtgebiet

20.000 Quadratkilometer Feuchtgebiet

Doch das Gewehr, das laut Reiseprogramm mit auf Tour gehen soll, gibt mir Hoffnung. Ich packe also eine Wasserflasche, Kamera und Schreibblock ein. Dann kommt eine Ladung Autan auf die Hosenbeine, die ich – alter Safaritrick – gegen kleine stechende Ungeheuer in die Socken gesteckt habe. Dann geht es zum Treffpunkt auf die Holzterrasse des Pelo Camps.

Bushwalk

Das Camp steht auf einer winzigen, wie ein Herz geformten Insel mitten im Wasser des Okavango Deltas, jener riesigen Pfanne, die sich Jahr für Jahr mit Wasser füllt, das nach dem großen Regen aus Angola kommt. Das Pelo Camp (Pelo heißt „Herz“ in der Sprache der Setswana) kann nur durch die Luft mit wackligen Cessnas und dann per Einbaum übers Wasser erreicht werden. Schon die Anreise war ein Abenteuer, nun geht es auf Erkundungstour – und zwar zu Fuß mitten hinein in die Wildnis.

Ras, der Safari Ranger

Wo Helden Nickelbrillen tragen

Als Guide hatte ich mir den Typ Robert Redford vorgestellt, eine Art Großwildjäger mit verwegenem Grinsen und zotteligen Locken, die unterm Safarihut hervorquellen. Idealerweise noch ein fehlender Finger von einem Krokodilbiss oder wenigstens eine kleine Narbe über der Augenbraue. Man ahnt es schon: Ich werde enttäuscht.

Ras kommt aus dem Restaurant herübergeschlendert, ein schmaler Mann mit Nickelbrille, der seine Winchester (immerhin!) wie einen Einkaufsbeutel am Arm baumeln lässt.

Impressionen vom Bushwalk

Ich fühle mich mit Jeans, khakigrüner Bluse und ebensolcher Schirmmütze halbwegs passend gerüstet. Weit abgeschlagen bin ich jedoch angesichts von Herbert und Gerti aus dem Allgäu. Sie haben offensichtlich die gesamte Safariabteilung des ortsansässigen Sporthauses leergekauft. Alles stimmt bis aufs I-Tüpfelchen: Hemden und Hosen in Beige, Westen mit zahllosen Klappentaschen, Schlapphüte mit baumelnden Kinnriemen und natürlich knöchelhohe Stiefel. Ras lächelt amüsiert, hat aber nichts einzuwenden.

Exotische Frucht

Für uns anderen geht`s los.

Wir steigen in wackelige Einbaumboote, die von Ras und seinen Kollegen durchs Schilf gestakt werden. Wir bahnen uns den Weg durch duftendes Gras und hören die Nilpferde in ihren Pools grunzen. Porzellanfarbene Lilien schwimmen auf dem Wasser, zarte Jacana-Vögel stolzieren über die Blätter und ein Schreiseeadler gleitet am Himmel, um sich dann auf einem kahlen Baum niederzulassen.

„Wir wollen Elefanten sehen“, lässt Gerti sich leicht nörgelnd vernehmen. „Uns reichen auch ein paar Antilopen“, erklären die Amerikaner höflich. Bevor es zu einem Disput kommt, steuert Ras den Einbaum ins Gebüsch und lässt uns aussteigen.

Im Einbaumboot durchs Delta

Die Elefanten kommen schneller als gedacht. „Da steht Benjamin Blümchen“, hören wir Herbert wenige Minuten später rufen, was sofort Ras auf den Plan bringt. „Psst“, zischt er in unsere Richtung und legt den Finger an die Lippen.

Elefantenherde aus nächster Nähe

Benjamin ist nämlich schlecht gelaunt...

„Zurück, zurück“, flüstert Ras und wedelt mit dem Arm. Vielleicht fünfzig Meter vor uns hat sich ein mächtiger Elefantenbulle wie ein zürnender Riese aufgebaut und wirft verärgert den Rüssel hin und her. „Er ist in Warnposition, noch kein Angriff“, zischt Ras. Mein Herz hämmert gegen die Rippen und mir jagen Gedanken durch den Kopf. Elefanten gehören zu den gefährlichsten Tieren Afrikas, sie stürzen sich auf Menschen, werfen sie mit ihrem Rüssel in die Luft, kicken Sie mit ihren baumdicken Beinen durch die Gegend…

Elefantenbulle Benjamin

Ich höre Herbert und Gerti hinter mir stoßweise atmen, ein Kommentar ist von ihnen jetzt nicht mehr zu erwarten. Ganz langsam bewegen wir uns rückwärts, ein geordneter, aber nicht gerade eleganter Rückzug. Es raschelt und knackt unter unseren Füßen und Herbert bleibt mit seinem Kinnriemen an einem Mopane-Ast hängen. Nur der schmächtige Ras bleibt unerschrocken stehen und verwandelt sich vor meinen Augen zum Helden aller Großwildjäger. Er reckt sich hoch, wedelt mit den Armen und schmettert dem vierbeinigen Griesgram ein „go away“ entgegen. Benjamin ist unschlüssig, er prustet und grummelt. Dann, eine gefühlte Ewigkeit später, scheint er die Lust auf einen Angriff verloren zu haben. Er markiert noch einmal den Macker, wedelt mit seinen Ohren groß wie Badetücher und trottet knackend und schnaubend durchs Unterholz davon.

Löwe im Busch

„Na, Angst gehabt?“, fragt Ras breit grinsend, während er sich die Nickelbrille auf der Nase zurechtschiebt. „Och, na ja…“, wir geben uns ungerührt. Inzwischen hat sich die Sonne gen Horizont geschoben und die Bäume werfen lange Schatten. In der Ferne hören wir die Löwen röhren, es ist Zeit für die Jagd in der Abenddämmerung. Ras mahnt zum Aufbruch und verspricht ein paar „wirklich gefährliche Storys“ nachher im Camp am Lagerfeuer.