Kenia | Stories

Kisumu, der Hafen ohne Träume

Der verblichene Glanz kolonialer Zeiten

Geschrieben von

Johannes Klaus

12.09.2018

Kisumu, die Hafenstadt an der Küste des Victoriasees, liegt verschlafen vor mir. Über 300.000 Menschen leben in der drittgrößten Stadt Kenias, doch keine Trucks kommen hupend an, keine Kräne hieven Container auf Frachtschiffe – es gibt keine. Nirgends wuseln Arbeiter geschäftig umher, in einem Verschlag hängen ein paar Männer gelangweilt herum und palavern. Ein beschaulicher Frieden liegt über der Szenerie.
Die Hafenstadt zerfällt langsam

Die noch von den Briten angelegten Bahnschienen sind überwuchert von Gras, Eidechsen sonnen sich auf dem warmen Metall. Gegründet 1901 unter dem Namen Port Florence, war die Stadt während der Kolonialzeit die Endstation der in Mombasa am Indischen Ozean beginnenden Uganda-Bahn. Hier wurden die Waren von der Schiene auf Schiffe umgeladen, um sie nach Uganda weiter zu transportieren. Bis 1977 war der Hafen einer der verkehrsreichsten in Kenia, doch mit dem Zusammenbruch der East African Community (EAC), dem gemeinsame Markt zwischen Kenia, Tansania und Uganda, brach fast zwei Jahrzehnte lang der Leerlauf ein. Seit der Jahrtausendwende und der Wiederbelebung der EAC nimmt Kisumu wieder zaghaft an Fahrt auf, auch wenn nach der Fertigstellung der direkten Schienenverbindung nach Uganda, die Kisumu umgeht, die Bedeutung des Ortes als Handelsplatz wieder abgenommen hat.

Am Steg liegt ein Boot der Küstenwache, und eines des Zolls. Schmuggelbekämpfung, aber „wer zahlt schon gerne Steuern?“, wie mir ein netter Mann, der im Schatten eines kleinen Holzverschlags sitzt, einfühlsam erklärt. Natürlich, einverstanden, das sehe ich ein.

Ein angelegtes Schiff der Küstenwache am Hafen

Es gibt kleine Boote, zum Fischfang, die im Dickicht der Wasserhyazinthen auf Beschäftigung warten. Die Wasserhyazinthen, die vor wenigen Jahren fast komplett den Victoriasee bedeckten, dezimierten die Fischvorkommen, die kein Licht mehr bekamen durch das undurchdringliche Blattwerk. Langsam, nach Jahren des Kampfes gegen das hartnäckige Gewächs, kann der See wieder atmen, und eine neue Fährlinie soll bald starten.

Die Wasserhyazinthen bedecken fast den ganzen See

Daneben sind große, rostende Schiffe angetaut, seit Jahrzehnten dem Verfall preisgegeben, die morschen Planken wild bewachsen, bröckelnd. Nie benutzte Tickets der Personenfähre liegen modernd auf dem Boden. Spinnennetze. Spinnen. Sie haben das Schiff übernommen.

Der Charme der Vergänglichkeit, voll alter Geschichten, voller Frieden. Wunderschön.

Die alten Schiffe werden von Pflanzen heimgesucht