COL.Medellín.Nacht
Kolumbien | Stories

Die Wiedergeburt von Medellín

Medellín von der gefährlichsten zur innovativsten Stadt

Geschrieben von

Markus Feigelbinder

06.03.2018

Oder: wie aus einem hässlichen Entlein ein stolzer Schwan wurde.
Die zwei Seiten von Medellín

Einheimische lieben ihre Stadt

Während Einheimische ein überschwängliches Loblied auf Medellín singen, scheint der Rest der Welt noch an überholten Vorstellungen von einer überdurchschnittlich hohen Kriminalitätsrate festzuhalten. Jüngste Berichte wiederum rühmen die einstige 'Mordmetropole' als florierendes Zentrum für Kunst und Kreativität. Ein Potpourri an widersprüchlichen Stimmen also, welche für entdeckerfreudige Zeitgenossen wie mich Anlass genug sind, um der Sache auf den Grund zu gehen und das wahre Gesicht der nach Bogotá zweitgrößten Stadt Kolumbiens auf eigene Faust kennenzulernen.

Zaghafte Schritte in eine unbekannte Welt

Möchte man die geheimen Schätze eines Ortes aufspüren, so empfiehlt es sich bekanntlich, abgelegene Pfade zu betreten. Ich gebe zu, dass ich meine Bedenken hatte. Denn eine Stadt, die einstmals vor allem aufgrund finsterer Drogengeschäfte Schlagzeilen machte, verwandelt sich nicht über kurz oder lang in ein irdisches Paradies. Meine gesunde Skepsis lässt auch nicht nach, als ich mich nach einem erfrischenden Bad im Hotel endlich in das Abenteuer stürze, die facettenreiche kolumbianische Metropole etwas näher in Augenschein zu nehme.

Sicherheit durch Polizeipräsenz

Auf den ersten Blick demonstriert das außergewöhnlich große Aufgebot an Polizisten im Stadtzentrum, dass hier in besonderem Maße Wert auf die Sicherheit und den Schutz der Passanten gelegt wird. Jedoch kann die Präsenz der gesetzlichen Ordnungshüter auch gegenteilig interpretiert werden und auf verborgene Gefahren verweisen.

Hoch hinaus

Dass es sich bei dem Negativimage von Medellín jedoch um ein Relikt aus den 1980er Jahren handelt, in welchen die Metropole in puncto Kriminalität tatsächlich die Weltspitze anführte, beweisen nicht nur Fakten wie die Entwaffnung und Vertreibung paramilitärischer Milizen sowie der drastische Rückgang der Mordrate, sondern auch das allgemeine Ambiente, welches von einer beispiellosen Vitalität und überschäumenden Lebensfreude geprägt ist.

Entwicklung zur Weltstadt

Wie in anderen als Konfliktherd geltenden Regionen scheint die traurige Vergangenheit auch hier zu einer Art konstruktiver Trotzreaktion geführt zu haben. Diese äußert sich vor allem in einem unbändigen Schaffensdrang und einer daraus resultierenden, alle Bereiche durchdringenden kreativen Explosion. Wer sich also bei seinem Besuch in Medellín ganz ohne Vorbehalte und Vorurteile auf die pulsierende Metropole einlässt, der kommt in den seltenen Genuss, die rasante Entwicklung einer aufregenden südamerikanischen Weltstadt hautnah mitzuerleben.

Ein Blick über die Stadt Medellín

Gesagt, getan.

Da Einheimische grundsätzlich besser informiert sind und einen mit den außergewöhnlichsten Geheimtipps versorgen können, nehme ich die Einladung von Manuel gerne an, der es sich offenbar zum Ziel gesetzt hat, mich in die entlegensten Winkel der Metropole zu entführen. Wie der Zufall oder aber das Klischee es will, habe ich Manuel in einer urigen kleinen Bar kennengelernt.

Sauberkeit und Sicherheit zeichnet die Innenstadt aus

Viele gute Gründe...

... für einen Aufenthalt in Kolumbiens angesagter Vorzeige-Stadt. Ob ich hier auch nur einen Hauch von Unwohlsein oder gar Furcht verspürt habe und an jene vergangenen Zeiten denken musste, in denen das Drogenkartell die Geschicke dieser sonnigen kolumbianischen Bergstadt lenkte? Nein. Vielmehr möchte ich an dieser Stelle auf einen der größten Vorzüge Medellíns verweisen. Es ist die natürliche Freundlichkeit und Offenheit der Einheimischen, denen es offenbar nicht nur am Herzen liegt, ihre Liebe für ihre Stadt zum Ausdruck zu bringen, sondern ihre Gäste gleichermaßen für ihre Schönheit, sei sie nun offen oder verborgen, zu begeistern.

Und so bewahrheitet sich die Aussage einmal mehr, dass es die Begegnung mit anderen Menschen ist, die eine Reise zu einer kostbaren und unvergesslichen Erinnerung werden lässt. Entsprechend gewinnen auch die ohnehin prachtvollen Gartenanlagen der nicht zu Unrecht als 'Capital de las Flores', übersetzt Hauptstadt der Blumen, titulierten Metropole vor allem durch die Anwesenheit und die kleinen Anekdoten Manuels an zusätzlicher Attraktivität. Und gleichwohl Medellín im sogenannten Aburrá-Tal liegt, spüren wir auf unserer Wanderschaft durch die einzelnen Bezirke schon bald am eigenen Leib, dass sich dieses auf einer Höhe von 1538 Metern inmitten der majestätischen Anden befindet und daher einen unbestrittenen Anspruch auf den zweiten Beinamen 'Capital de la Montaña', Hauptstadt der Berge, hat.

Mit der Seilbahn über die Dächer der Stadt

Seilbahn ´Metrocable´

Glücklicherweise scheinen die Widrigkeiten, die damit einhergehen können, auch den Stadtvätern aufgefallen zu sein. Denn im Rahmen des Aufschwungs, welcher seit dem Tod des Kokainkönigs Pablo Escobar im Dezember 1993 anhält, wurde unter anderem auch die Seilbahn 'Metrocable' ins Leben gerufen, welche das wohlhabende Tal mit den umliegenden Hügeln verbindet.

Warmherzige Kolumbianer und einmalige Entdeckungen

Doch was sind sie also nun, die guten Gründe, welche für einen Besuch Medellíns sprechen? Es ist, auf den Punkt gebracht, jene optimale Kombination aus einem angenehmen, warmen Klima, einer reizvollen Landschaft und nicht zuletzt einer noch weitestgehend unverdorbenen Gastfreundlichkeit und Warmherzigkeit der hier ansässigen Kolumbianer. Abgesehen davon locken natürlich auch jene wertvollen Begegnungen und einmaligen Entdeckungen, die in keinem Reiseführer stehen und die sich nur erleben lassen, wenn man selbst in kleinen, auf den ersten Blick unscheinbaren Dingen eine innewohnende Schönheit zu erkennen vermag.

Universität von Medellín

Bewahrt man sich jene kindliche Offenheit...

... und Neugierde, so wird sich das rasant verändernde Medellín gewiss als wahre Schatztruhe erweisen. Denn hier schießen wundersame Kunstwerke und innovative Einrichtungen buchstäblich wie Pilze aus dem Boden. Neben einer natürlichen Vielfalt, welche sich nicht zuletzt in der überwältigenden Anzahl unterschiedlicher Orchideenarten widerspiegelt, bietet die blühende Metropole weitere unzählige Stätten der Bildung, Inspiration und Erholung.

Einige farbenfrohe Schlaglichter...

... aus einer blühenden südamerikanischen Metropole. In den Genuss traditioneller kolumbianischer Klänge kommt man beispielsweise in dem kleinen 'Parque Berrio'. Ein Besuch lässt sich optimal mit einem kurzen Abstecher ins nahegelegene 'Museo de Antioquia' verbinden, welches einen interessanten Einblick in die originellen Werke lateinamerikanischer Künstler liefert. Lehrreich und entspannend zugleich gestaltet sich auch ein Ausflug in den 'Parque Explora'. Wie der Name bereits vorschlägt, geht es hier unter anderem darum, sich in dem größten Aquarium Lateinamerikas mit der farbenfrohen Unterwasserwelt vertraut zu machen oder im angrenzenden Outdoor-Park mittels interaktiver Spiele in die physikalischen Grundgesetze eingeführt zu werden.

Mit Seilbahn über der Stadt

Warum ein Besuch in Medellín tatsächlich bildet

Und habe ich nun, wie man so schön sagt, aus meinem Aufenthalt in der aufstrebenden kolumbianischen Weltmetropole Lehren fürs Leben gezogen? Zweifellos. Es ist die Kunst, den Augenblick zu genießen, die Fähigkeit, trotz aller Herausforderungen, die unser Umfeld an uns stellt, nicht aufzugeben und die Ausdauer, um aus Trümmern einen Palast zu bauen. Denn gleichwohl dieses ungewöhnliche südamerikanische Juwel wie wohl jede andere Stadt der Welt immer noch Schwachstellen aufweist, beeindruckt sie vor allem durch ihr ungeheures Potential und den Mut zur Veränderung.