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Namibia | Stories

Segelfliegen: Aufwind über der Wüste Namibias

Segelfliegen in Namibia

Geschrieben von

Lea Hajner

21.08.2018

Wenn ich die Augen schließe und an Namibia denke, stehe ich vor einem schier unendlichen Horizont. Ich sehe Oryxantilopen, die von Löwen zwischen Dornenbüschen gejagt werden und Wüstenelefanten, die durch ausgetrocknete Flussläufe stapfen. Doch wie sieht das Land wirklich aus? Auf einer Farm südlich der Hauptstadt Windhoek aus bekomme ich die Gelegenheit mit einem Segelflieger mitzufliegen. Schnell habe ich das Angebot angenommen. Doch jetzt, als es losgehen soll, macht sich plötzlich Nervosität breit. Ohne Motor über Afrika fliegen – ob das eine gute Idee ist?
Der Sonnenaufgang ist das Startzeichen zum Segelfliegen

In den frühen Morgenstunden, als ich beim Patrollieren der Pisten mitgefahren bin, war es noch schön kühl. Doch zum Segelfliegen in Afrika ist die Hitze unumgänglich. Denn sobald die Sonne die Erdoberfläche erwärmt, entsteht Thermik. Heiße Luft, die vom Boden aufsteigt. Und mit ihr die Segelflieger. Und heute auch ich.

Ich klammere mich an einer Flasche Wasser, die ich vorsorglich über Nacht in den Tiefkühler gelegt habe, fest. Kappe und Sonnenbrille schützen mich vor der prallen Sonne, die ohne Erbarmen scheint. Etwas unbeholfen klettere ich in den Doppelsitzer und mache es mir so gut es geht im Sitz bequem. Sonderlich bequem ist es nicht, denn auch der Flieger ist in der Sonne ganz schön heiß geworden. Sicher fühle ich mich jedenfalls - auch wenn mir nicht ganz wohl ist. Jetzt, als mein Pilot die Plexiglas Haube zu uns herunterzieht und verriegelt, wird es noch eine Spur stickiger und meine Stimme noch ein wenig leiser.

Als Gast darf ich heute vorne sitzen. Dank der durchsichtigen Haube habe ich freien Blick auf den Himmel und auch auf den Boden rechts und links unter mir. Direkt vor mir befindet sich das Instrumentenbrett, das mir unter anderem die Geschwindigkeit, die Steiggeschwindigkeit und die Richtung ansagt. In Doppelsitzern sind beide Plätze gleich ausgestattet, so dass die Piloten sich beim Fliegen abwechseln können.

Im Segelflugzeug ist der Platz begrenzt

„Bist du bereit, Lea?“ Ich nicke. „Du musst direkt in das Mikrofon sprechen, damit ich dich hören kann“ höre ich über die Kopfhörer. Also gut, ich hole Luft: „ja, bin bereit!“

Um mit einem Segelflieger in die Luft zu kommen gibt es drei Möglichkeiten: mit einer Seilwinde, mit einem Schleppflugzeug oder, wie wir heute, mit dem eingebauten Motor, der sobald die notwendige Höhe erreicht ist wieder eingefahren wird. Der Motor ist zwar klein, sein Lärm aber groß. Der Propeller dreht eifrig und mit einem kleinen Ruck setzt sich der Flieger in Bewegung. Die beiden langen Flügel wackeln die ersten Meter noch über dem Boden. Wir werden immer schneller und ohne den exakten Moment bemerkt zu haben, sind wir abgehoben. Vor uns die endlose Weite der Kalahari Wüste.

Das Segelflugzeug kann mit verschiedene Methoden in die Luft gebracht werden

Weit hinter uns liegt die Farm, die nun ganz klein aussieht. Ich erkenne den Wasserturm, die Stromleitungen und auch das Geparden-Gehege ist gut zu sehen. In den letzten Wochen hat es ungewöhnlich oft geregnet, die Kalahari ist grün. Alles gedeiht und sprießt. Der Boden darunter sandig und ein Stück weiter entfernt feuerrot. Markante Dünen durchziehen die Landschaft. Nur vereinzelnd sehe ich Farmhäuser. Fernab von den Hauptstraßen sind alle Straßen Schotterstraßen. Wenn ein Auto fährt wirbelt eine Staubwolke hinterher.

Tiere kann ich keine entdecken, dafür sind wir zu weit oben. Vielmehr ist es eine Landkarte, die sich unter mir ausbreitet. Mit jedem Kreis den wir ziehen, um Höhe zu gewinnen, wächst die Karte. Ich fühle mich mit einem Schlag sehr klein -auf einem sehr großen Kontinent.

„Psst… psst!“ macht das Sauerstoffgerät, das hinter meinem Sitz verstaut ist. Automatisch schießt es bei jedem zweiten Atemzug über eine Kanüle ein wenig Sauerstoff zu. Denn die Luft hier oben ist dünn. Der Startplatz bei Kiripotib liegt bereits auf 1.300 Meter Seehöhe und jetzt drehen wir uns noch weiter nach oben. 2.000 m liegen bereits zwischen uns und dem Erdboden. In der Ferne sind die Sanddünen der Namib Wüste zu erkennen. Sie zählen zu den höchsten Dünen der Welt.

Im Hintergrund erkennt man die Dünen Namibias

Das Land ist geprägt von Gegensätzen. „Gestern waren wir im Norden unterwegs, an der Grenze zu Botswana“ zeigt mir mein Pilot und macht eine scharfe Rechtskurve. In Namibia findet man rund um die Hauptstadt Windhoek fast ausschließlich abgezäuntes Farmland. Und auch die Grenze ist mit einem hohen Zaun gekennzeichnet. Auf der anderen Seite ist die Landschaft noch unberührter und wilder. Eine Notlandung im dichten Buschwerk zwischen wilden Tieren ist tunlichst zu vermeiden.

Viele der Piloten, die im europäischen Winter in Namibia fliegen verbringen am Tag 8-9 Stunden im Flieger. Ihr großes Ziel ist es meistens ein Dreieck von 1.000 Kilometern zu fliegen. Wenn das Wetter mitspielt, ist das hier um einiges einfacher als in Europa. Kein Wunder also, dass Namibia beliebt ist unter Segelfliegern. Und das schon seit den 1930 als die ersten Piloten durch die Lüfte geschwebt sind.

Von oben erkennt man die Straßen als feine Linie

Vor lauter Aufregung und Aussicht genießen habe ich aber die Hitze fast komplett vergessen. Auch, weil es weiter oben doch ein wenig kühler geworden ist. Erst als wir uns wieder dem Boden nähern, um zu Landen, kommt mir ein Hitzeschwall entgegen. Und mit ihm auch das Gefühl gerade etwas ganz Besonderes erlebt zu haben. Ob Segelfliegen in Afrika eine gute Idee ist, hatte ich mich noch vor wenigen Stunden gefragt. Und jetzt? Jetzt möchte ich am liebsten zurück in die Luft und noch mehr entdecken.

Spuren des Segelfliegers im Grass