Strandverkäufer in Sansibar
Tansania | Stories

Oh Happy Day: Warum nett sein sich manchmal lohnt

Die Beachboys von Sansibar

Geschrieben von

Yvonne Zagermann

06.08.2018

Ich habe lange Zeit immer gesagt, dass ich kein netter Mensch sei. Ich habe das als Schlupfloch genutzt, um ab und zu einfach mal nicht nett sein zu müssen. Hört sich komisch an, war aber so. Ganz einfach deshalb, damit ich, wenn jemand zu mir sagte „Das war aber nicht nett von dir“, sagen konnte: „Ich hab ja auch nie behauptet, dass ich nett bin“. Und schon war ich fein raus, denn darauf fiel den meisten keine Antwort ein. Ich habe mir dann ins Fäustchen gelacht und es als Freifahrtschein genutzt, um an und an ein bisschen nicht-nett zu sein. Nie gemein oder böse oder so, aber nett, das war ich nicht immer.

Bis Sansibar. Dort hat sich das geändert.

Es war meine erste Reise ganz alleine. Ich hatte keinen großen Plan, wollte einfach mal herausfinden, wie ich das denn so finde, alleine zu reisen. Sansibar hörte sich nach einem perfekten Ort dafür an, ein bisschen Abenteuer, ein bisschen Afrika, ein bisschen Strand – genau das wollte ich. Nach ein paar Tagen in Sansibar-Stadt auf Unguja, der Hauptinsel der Sansibar Inselgruppe, zog es mich weiter an den Strand. Ich wollte einfach mal nichts tun und schauen, wie lange ich das aushalte.

Die Stadt von Sansibar läd zum Bummeln ein

Und so lag ich da am Strand von Kendwa. Seit zwei Stunden, keiner hat mich beachtet, keiner hat mit mir geredet. Na gut, der Mann an der Rezeption, der meinte: „You’re alone here?“ „Yes“ „Don’t worry, many beach boys“. Noch nicht eimal richtig eingecheckt wird man hier schon abgecheckt, dachte ich mir und bereitete mich innerlich schon mal auf die Strandbelagerung ein. Zeit für die nicht-nette Yvonne.

Doch seit zwei Stunden - Nichts. Kein Mensch. Es ist Nebensaison. Ich starre aufs Wasser und bin einfach mal ganz ruhig. Ich mache nichts. Gar nichts. Bin einfach da und genieße.

Dann höre ich Gekeife und laute hektische Stimmen: „No, go, go. Leave us. GO!“ – Es ist mir unangenehm, es zerstört die heile Welt, in der ich mich gerade befinde. Es sind Touristen, die einen der Strandverkäufer anbrüllen. Es ist vor allem die Art und Weise, die mich einfach stört, es ist nicht nett. So aggressiv, so überheblich. Ich schäme mich dafür, wie die anderen Touristen den Strandverkäufer behandeln. So will ich nicht sein. Ich habe auf einmal das dringende Bedürfnis nett sein zu wollen. Ja, das hat mich damals auch überrascht.

Am Strand in Sansibar herrscht himmlische Ruhe

Als der Strandverkäufer an mir vorbeiläuft und ein lässiges „Jambo“ (das, wie ich gehört habe, nur für Touristen verwendet wird) in meine Richtung wirft, antworte ich mit „Mambo“, er grinst und sagt „poa“ – cool. Was in diesem Fall keine Bemerkung zu meinem Suahili ist, sondern schlichtweg das, was man auf „mambo“ so antwortet. Er fragt, ob ich etwas kaufen will. Ich lächle und sage, nein und schiebe noch ein „asante“ (danke) hinterher. Er zuckt mit den Schultern, grinst und geht weiter.

So geht es die nächsten Stunden weiter. Ich liege am Strand, tue nichts und ab und zu kommt ein Strandverkäufer vorbei. „Hallo. Wie gehts? – Gut, danke. – Willst du was kaufen? – Nein, danke. – OK, Tschüss.“ Sie kommen und gehen, ich bin weiterhin nett und sie auch zu mir.

Die Sache mit den Beachboys und warum eigentlich keiner nett zu ihnen ist

Die Strandverkäufer werden auf Sansibar Beachboys genannt. Ob Beachboys oder Strandverkäufer oder wie auch immer man sie nennen will, jeder kennt die Menschen, die an Stränden dieser Welt auf und ab gehen und versuchen ihre Waren an den Mann zu bringen. Jeder kennt sie und irgendwie ist kaum einer nett zu ihnen. Man kennt die Geschichten, wenn die Strandverkäufer einfach nicht lockerlassen, manchmal auch unverschämt werden und einem dadurch einen Urlaubstag versauen können. Und weil Menschen einfach nun mal oft in Schubladen denken, geht man davon aus, dass die auf der ganzen Welt so sind. Kennt man einen, kennt man alle.

Die Strandverkäufer sind jeden Tag unterwegs

Die Sache ist nur die - kennt man einen, kennt man nur den einen. Und manchmal können Menschen einen überraschen. Ibrahim zum Beispiel. Eines Tages, mein ganzer Körper juckte von der Quallenattacke vom Vortag beim Schnorcheln, kam er mal wieder den Strand entlanggelaufen. „Mambo. How are you“ „Ahhh, not so well“ Ich bin halt ehrlich. Nach einigem Oh und Ah und Hm, meinte er, dass er eine Geheimmedizin für mich hat. Fünf Minuten später war er wieder da, eine Fanta Flasche in der Hand in der eindeutig keine Fanta war. Es roch nach Essig. Es sei aber mehr als Essig. Geheimmedizin. Auf die betroffenen Stellen soll ich das auftragen und ihm einfach vertrauen, das würde helfen. Es half. Er grinste und wünschte mir noch einen schönen Tag und weg war er. Einfach so. Weil er nett ist. Weil ich nett zu ihm war, war er nett zu mir. Und sonst nichts.

Ibrahim kennt eine Geheimmedizin gegen Quallenbisse

Oder Kili, der Massai vom Festland. Kili heißt eigentlich Kilimandscharo und hat seinen Souvenir-Stand im Restaurant des Hotels, wenn er singt ist seine Stimme glockenhell. Als er mitbekam, dass ich Deutsche bin, kam er mit einer Postkarte um die Ecke, die er wohl schon seit Monaten bei sich trägt, geschrieben von deutschen Urlaubern, adressiert an ihn persönlich. Warum sie ihm auf Deutsch geschrieben haben weiß ich nicht. Vielleicht haben sie sich einfach nichts dabei gedacht, vielleicht dachten sie auch, da wird schon jemand da sein, der deutsch kann. War aber wohl nicht so, oder zumindest niemand, dem er die Postkarte zum Übersetzen geben wollte. Als ich sie ihm vorlas, strahlten seine Augen.

Kili verkauft Souvenirs in einem Hotel

Und dann war da noch Adam, der mir viele Tipps für Restaurants gab, eine Bootstour zum Sonnenuntergang für mich und ein paar andere organisierte und sich die ganze Zeit für sein schlechtes Englisch entschuldigte und irgendwann dann sagte: „Danke, dass du so nett bist zu mir, es macht mich immer glücklich, wenn Menschen nett zu mir sind, die meisten Touristen sind es nicht.“

Adam organisiert Bootstouren auf der Insel

Das hat mich zum Nachdenken gebracht.

Manchmal ist es so einfach, Menschen glücklich zu machen. Und sind wir mal ehrlich, klar wollen die Strandverkäufer Geld mit den Touristen verdienen. Und genauso klar ist es doch, dass die meisten Touristen mehr Geld zur Verfügung haben, aber manche eben keine Souvenirs kaufen wollen. Und wenn sich alle Seiten dessen bewusst sind, dann ist das ja eigentlich ein fairer Deal.

Und manchmal da geht es eben gar nicht um den einen Euro oder „die Touristen“ oder „die Strandverkäufer“ an sich. Manchmal geht es einfach darum, dass man andere Menschen genauso behandeln sollte, wie man selbst behandelt werden will. Mit Respekt.

Eine Gruppe Männer spielt Fussball am Strand

Und manchmal sind da einfach nur Jungs, die versuchen ihren Lebensunterhalt am Strand zu verdienen und manchmal ihre Taschen auf die Seite legen und Fußball spielen und dann ist es auf einmal völlig egal, wer Tourist ist und wer nicht. Der Sonnenuntergang sieht schließlich für alle gleich aus. Und die Sonnenuntergänge in Sansibar sind fantastisch.