Südafrika | Stories

Beim Rangertraining in Südafrika

Safari für Fortgeschrittene

Geschrieben von

Christoph Karrasch

01.08.2018

Pauschal gebuchte Jeeptouren durch den südafrikanischen Busch haben in den letzten Jahren Konkurrenz bekommen. Im Norden des Landes können sich Reisende selbst zu Rangern ausbilden lassen und auf Spurensuche gehen. Eine Safari der anderen Art
Unterricht im Freiluftklassenraum

"Es gibt nie die Garantie, dass wir die Big Five zu Gesicht bekommen", sagt der 28-jährige Will Lawson in unserer ersten Unterrichtsstunde. "Geduld ist die wichtigste Eigenschaft eines Rangers. Es gibt nur den Auf- und den Untergang der Sonne. Was dazwischen passiert, entscheidet die Natur allein."

Will ist Brite und lebt seit sieben Jahren in Südafrika. Er kam einst als neugieriger Tourist hierher und wurde Ranger. Unternehmen wie EcoTraining bieten die Ausbildung zum Ranger an – auch für Touristen. Wer es wirklich ernst meint, kann wie Will ein Jahr bleiben und eine anerkannte Prüfung ablegen. Ich habe mich erstmal für den Vier-Tages-Schnupperkurs entschieden – außer Neugier waren hier keine weiteren Vorkenntnisse von Nöten, das kam mir entgegen.

Nicht sprechen, immer in einer Reihe bleiben

„Es gibt bei unseren Aufenthalten im Busch einige wichtige Dinge zu beachten“, erklärt Will uns Schülern. „Nicht sprechen, immer in einer Reihe bleiben und vor allem meine Handzeichen beachten. Schließlich könnte sich hinter jedem Strauch ein schreckhaftes und dadurch unberechenbares Tier verbergen. Und wir wollen alle vermeiden, dass ich zur Verteidigung meine Waffe benutzen muss.“

Ranger Will Lawson will die Waffe nicht benutzen

Mir wird direkt bewusst, welch riesige Verantwortung ein Ranger hat, wenn er sich zu Fuß mit Gästen durch den Busch bewegt. Der Gedanke, vielleicht selbst mal eine Gruppe zu leiten, ist gerade unvorstellbar – aber zum Glück auch nicht elementar beim Vier-Tages-Kurs.

Wir schlafen in einfachen, tarnfarbenen Zelten und werden früh geweckt. Ein verbotener Blick aufs Handy am nächsten Morgen verrät, dass es gerade fünf Uhr ist. Will wartet bereits mit seinem Gewehr in der Mitte des Camps, wo verbrannte Äste an die Gemütlichkeit des Vorabends erinnern.

Das einfache Rangercamp

„Es gibt viele Zusammenhänge in der Natur, die ich mir als Ranger zunutze machen kann“, erklärt er, als wir still in einer Reihe loswandern. „Wenn ich weiß, an welcher Pflanze ich gerade vorbeigehe, weiß ich auch, welches Tier mir hier potenziell begegnen kann, weil diese Pflanze beispielsweise zur Nahrung des Tieres gehört. Wenn ich Zeichen, Abdrücke und Spuren deuten kann, weiß ich, ob für mich Gefahr droht.“

Beim Spurenlesen erfährt man welche Tiere in diesem Gebiet leben

Mensch imitiert Flusspferd

Will führt uns zu einem großen Wassertümpel, aus dem einige graue Felsen ragen. Plötzlich bewegen sich die Felsen – der grünen Suppe entsteigen sechs mächtige Flusspferde. „Wer von euch hat schon mal was von Bio-Mimikry gehört?“ Wir schütteln die Köpfe. „Dahinter verbirgt sich wörtlich die ’Imitation des Lebens’, die sich der Mensch durch Beobachtungen der Natur zu Eigen gemacht hat.“ So sei die Entwicklung von Sonnencreme und Insektenspray ursprünglich keine menschliche Erfindung, sondern stamme von den Nilpferden, die sich durch ein körpereigenes, rötliches Sekret vor den Gefahren von UV-Strahlung und Moskitos schützen können. Als eine der Schülerinnen sich beim Versteckspiel vor den Hippos in einem Strauch mit Klettpflanzen verfängt, sagt Will: "Seht ihr, in einer solchen Situation ist die Idee für Klettverschluss entstanden."

Flusspferde imitieren Steine um sich zu tarnen

Es sind viele dieser kleinen Details, die wir in unserem Kurs erfahren, die uns ein Stück näher an das Mysterium Busch bringen. In einer ausführlichen Theoriestunde lernen wir, wie Schlangenspuren im Sand und Elefantenkratzer an Baumrinden aussehen, und wir lernen Giraffen- von Löwenspuren zu unterscheiden. Wir gehen früh morgens und spät abends auf die Pirsch und schwitzen dazwischen bei 36 Grad im reetgedeckten Freiluftklassenraum. Eine Mitschülerin freut sich, als sie beim Spurenlesen tatsächlich eine echte Gepardtatze im Sand erkennt – und doch wird uns allen bald klar, dass unsere beste Disziplin wohl der allabendliche Sundowner ist. Zum echten Ranger-Dasein gehört eben noch einiges mehr: die richtige Ausbildung und unzählige Bushwalks an Erfahrung.

Die Gruppe beim Spurenlesen von Abdrücken

Was wir hier in diesen vier Tagen gemacht haben, war eine Safari für Fortgeschrittene. Eine spitzenmäßige, von der ich einiges an Wissen mit nach Hause nehme. Aber so ein Jahr Zeit wäre schon auch nicht schlecht.