Vietnam | Stories

Als die Bergbewohnerin das Meer entdeckte

Eine ungewöhnliche Begegnung mit dem Bergvolk der Hmong

Geschrieben von

Lea Hajner

22.08.2018

Vietnam ursprünglich und traditionell erleben? Mein Erfahrungsbericht über eine Reise abseits des Massentourismus.

Ich stehe auf einem der alten Segelboote in der Halong Bucht im Norden des Vietnam und traue meinen Augen nicht. Steht da wirklich eine kleine Frau in blauer Tracht? Ich bin verwirrt. Die Erscheinung passt nicht auf das mit Backpackern beladene Schiff, das im zweitägigen Rhythmus seine Runde durch die Bucht zieht und uns zu Sehenswürdigkeiten schippert. Es ist noch früh und alle anderen scheinen noch zu schlafen. Also taste ich mich vorsichtig zum Bootsende und setze mich neben sie. Sie lächelt freundlich, aber zu meinem noch größeren Erstaunen spricht sie kein Englisch. Ich ertappe mich bei dem Gedanken: „Sie ist also echt. Also, keine Touristenattraktion. Nur was zum Teufel macht sie dann hier?“ Ihr Name ist Shu. Shu und ich unterhalten uns ein wenig mit Händen und Füßen, bis sie sich verabschiedet und in eine Kajüte zurückzieht. Auch ich ziehe mich wieder zurück und schlafe noch eine Runde. Zu gerne würde ich herausfinden, woher sie kommt und was sie hier macht. Doch sie bleibt verschwunden.

Sapa

Ein paar Tage später komme ich mit einer Runde neuer Reisefreunde in Lao Cai an. Acht Stunden ist der Zug von Hanoi über Nacht hierher gefahren und in den kleinen Schlafkojen war es mehr unbequem als erholsam. Mit dem Minibus, der für Menschen mit langen Beinen keine Spur bequemer ist, geht es die restlichen 36 Kilometer noch eine Stunde weiter bis zum eigentlichen Ziel. Sapa ist eine kleine Stadt im Hoàng Liên Sơn-Gebirge, welches im Norden an China grenzt. Die Stadt ist umringt von 3.000ern, der höchste von ihnen ist der Fansipan (3.143m). Er wacht wie ein grüner Riese über der Stadt. Ringsum bewirtschaften die Bauern terrassenförmige Reisfelder.

Die Reisfelder sind terassenförmig angelegt

Die Hmong

Am Straßenrand sitzen Frauen in genau jener Tracht, welche die junge Frau am Boot noch vor ein paar Tagen trug. Nur diese hier sprechen sehr gut Englisch. Woher ich komme und wohin ich gehe wollen sie wissen. Als Mee stellt eine etwas ältere Dame mir vor. Ob ich nicht vielleicht doch eine Decke als Souvenir kaufen möchte? Die indigo-blauen Decken werden mit der Hand bestickt und sehen wunderschön aus. Doch zuerst brauche ich ein Zimmer, eine Dusche und eine Kaffee.

Straßenverkäuferinnen bieten handbestickte Teppiche den Touristen an

Luxus auf Vietnamesisch

Seitdem Ende der Neunziger Individualtouristen und Lonely Planet die Region entdeckt haben, wachsen die Touristenströme. Auch die Chinesen kommen und für sie und alle anderen werden neue Luxushotels gebaut. Überall stehen Baugerüste. Ich suche mir eine Unterkunft aus, auf dessen Mauer der Schriftzug „Luxury Hotel“ gemalt ist. An der Umsetzung dieses Vorhabens mangelt es noch etwas. Aber immerhin liegen auf einem sauberen Handtuch Seife, Shampoo und Zahnbürste bereit. Daneben eine Rolle Klopapier und eine Fernbedienung. Das ist nach der Nacht im Zug dann doch luxuriös.

Luxus wird in Vietnam unterschiedlich definiert

Wir, die Cheesy Riders

Gemeinsam mit meinen neuen Freunden aus England beschließen wir die Dörfer ringsum auf eigene Faust zu erkunden. Wir mieten uns Mopeds, Helme und nennen uns die „Cheesy Riders“. Die Stimmung ist gut. Wir besuchen „Cat Cat“, eins jener Dörfer, die man auch ohne Guide erkunden kann. Schnell werden wir in ein Haus eingeladen und finden uns bei einer Art Verkaufsveranstaltung wieder. Es ist nicht einfach, nein zu den Tüchern, Armbändern und Hosen sagen. Ja sage ich hingegen zum „ca phe sua“, dem köstlichen vietnamesischen Kaffee, der so stark gebrüht wird, dass er alle Sinne erweckt. Mit süßer Kondensmilch und Eiswürfel ist er eine Wohltat und ständiger Begleiter meiner Vietnam Reise.

Traditionelle, vietnamesische Röcke findet man an fast jeder Ecke

Wo die Touristenpfade abseits führen

Am Rückweg passieren wir einen Straßenteil der besonders schlammig ist. Fast bleiben wir stecken, unsere Beine sind kniehoch mit Schlamm verschmiert, aber wir schaffen es ohne umzukippen durch. Doch ein paar Kurven weiter ist die Straße von einer Mure mitgenommen worden. Ein paar Kinder am Straßenrand winken uns durch ein kleines Dorf – die Umfahrungsstrecke.

„Halt, stop!“ rufe ich. Die drei Moped mit fünf Touristen bleiben in der kleinen Ortschaft stehen. Die Einheimischen schauen uns etwas verwundert an, denn hier gibt es eigentlich nichts zu sehen. Aber auf der kleinen Terrasse ein paar Meter weiter sitzt doch tatsächlich Shu. Ich winke und rufe. Shu muss herzhaft lachen und winkt uns herbei. Ein kleiner Junge kommt aus dem Haus und übersetzt.

Schlammige Straßen in Vietnam
Shu sitzt mit ihren Freunden auf der Terasse

Zum ersten Mal im Leben Tourist

Jetzt erfahre ich, dass Shu in Halong Bay zum ersten Mal in ihrem Leben das Meer gesehen hat. Dass sie zum ersten Mal ihre Heimat rund um Sapa verlassen hat und dass sie zum ersten Mal selbst Tourist war. Ein Schweizer hatte sie auf die Reise eingeladen, jetzt will er ihr Briefe schreiben. Doch sie kann nicht lesen, also liest ihr Sohn vor und schreibt für sie. Ob sie sich je wieder sehen werden? Sie weiß es nicht. Als junge Witwe mit vier Kindern hat sie es auf jeden Fall nicht leicht.

Woanders sind wir alle Touristen

Am Abreisetag kaufe ich Mee noch eine Decke und einen Rock ab. Shu ist heute auch in der Stadt und bringt Waren zu Verkauf vorbei. Dieser kleine Ort ist mir in den letzten Tagen unglaublich vertraut geworden und ich verlasse ihn nur ungern. Shu winkt zum Abschied und irgendwie habe ich das Gefühl ein bisschen weniger Tourist zu sein als alle anderen. Auch wenn wir es manchmal vergessen, woanders sind wir alle Touristen. Das verbindet.

Vietnams Berge liegen verschlafen unter den Wolken